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Café am Grün - Marburg
Dienstag, 08. Juni 2004, 20.00-23.00Uhr
| Veranstalter: | Buchladen Roter Stern, Marburg, Psychosozial Verlag, Gießen, Imbuto e.V., Fronhausen |
Auf großes Interesse stieß eine Veranstaltung,
die am Abend des 8. Juni 2004 im Cafe am Grün in Marburg stattfand.
Etwa 40 TeilnehmerInnen - Studierende, im Exil lebende Rwander, aber auch
interessierte BürgerInnen - waren gekommen, um sich über den Genozid
in Rwanda zu informieren, eine Lesung zu hören und über die Problematik
zu diskutieren.
Imbuto hatte gemeinsam mit dem Buchladen Roter Stern Marburg, dem Verlag
Psychosozial Haland und Wirth (Gießen) und Studierenden der Friedens-
und Konfliktforschung der Marburger Universität zu diesem Abend eingeladen.
Die Vorbereitung und Organisation wurde wesentlich von unserer Geschäftsführerin
Hildegard Schürings und den Studierenden des Studiengangs Friedens-
und Konfliktforschung an der Universität Marburg geleistet.
Moderiert wurde der Abend von Michael Wolf, einem Mitglied des Buchladenkollektivs
Roter Stern. Nach einigen einleitenden Worten, mit denen er die besondere
Rolle und auch das Versagen der Entwicklungszusammenarbeit im Bezug auf
den Genozid in Rwanda hervorhob, übergab er das Wort an die Studierenden
der Friedens- und Konfliktforschung.
Diese hatten sich in ihrem Studium mit den Ereignissen in Rwanda während
des Frühjahrs 1994 intensiv beschäftigt. Sie präsentierten
zunächst die Hintergründe und Dimensionen des Völkermords
und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit als Einführung in die Problematik.
Im Anschluss las Karl-Udo Bigott, der Übersetzer des Buches "Nur
das nackte Leben" des französischen Journalisten Jean Hatzfeld
(erschienen 2004 im Verlag Psychosozial Haland und Wirth) einige erschreckende
Passagen daraus vor. Geschildert werden die Erlebnisse von Überlebenden
des Genozids, die Hatzfeld anhand von Interviews dokumentiert hat.
Anschließend las Dr. H. J. Wirth vom Psychosozial Verlag einen Text
über die Traumati-sierung von Gesellschaften vor.
Das Publikum diskutierte daraufhin rege mit den Referenten. Auf die entsetzte
Frage einer älteren Frau, wie es denn so plötzlich zu einem Ausbruch
grausamster Gewalt unter Nachbarn kommen konnte, antwortete Hildegard Schürings
mit einem längeren Beitrag. Sie stellte klar, dass und wie der Konflikt
sich über einen längeren Zeitraum entwickelt hatte und schilderte
die Hintergründe des Genozids sowie die aktuelle Lage in Rwanda.
Gegen die Einschätzung aus dem Publikum, es handele sich um Stammeskonflikte,
machte eine Studentin geltend, dass es bei solchen Kämpfen in erster
Linie um Macht gehe.
Ein etwa 30jähriger Rwander meldete sich schließlich zu Wort.
Er hatte 1994 den Massakern entkommen können. Er schloss mit dem Satz:
"Alle Rwander sind Opfer, auf die ein oder andere Art." Nach diesem
Schlusssatz beendete der Moderator M. Wolf die Diskussion.
Es konnte eine große Zahl von Menschen erreicht und detailliert und hintergründig über den Genozid informiert werden. Die Veranstaltung wurde außerdem für ein Feature im freien Radio Marburg (RUM) aufgenommen.
Arne Erdmann
Rezension
Jean Hatzfeld: Nur das nackte Leben - Berichte aus den
Sümpfen Rwandas.
Aus dem Französischen von Karl-Udo Bigott
Psychosozial-Verlag - Haland&Wirth, 256 Seiten, Euro 19,90
Der
Journalist Jean Hatzfeld fährt 1994 für die französische
Zeitung Libération nach Rwanda. Er begleitet die Flüchtlingsbewegungen
in Zaire und ist erschüttert, dass man die Opfer des Völkermords,
der gerade in Rwanda organisiert wurde, völlig vergessen hat. Die internationalen
Medien sind auf die Situation der Flüchtlinge, die Tausenden an der
Cholera Sterbenden gerichtet. Aus dieser Erfahrung wird ein Lebensprojekt.
1998 fährt er wieder nach Rwanda, besucht die Orte Nyamata und Ntarama,
in denen Tausende Menschen massakriert wurden. Die Orte liegen in der Region
Bugesera im Osten des Landes. Dorthin waren nach dem blutigen Machtwechsel
von 1959, der zum Sturz der herrschenden Gruppen führte, viele Tutsi
umgesiedelt worden. Später siedelten sich hier zahlreiche Menschen
an, die nicht mehr über ausreichend fruchtbares Land verfügten.
Die Region ist heute fast menschenleer, gegen die Bevölkerung wurden
Vernichtungsfeldzüge geführt.
Die Sozialpädagogin Sylvie Umubyeyi macht Hatzfeld
mit Überlebenden bekannt. Der Journalist nimmt sich monatelang Zeit,
setzt sich zu ihnen, hört ihnen zu und fragt nach ihren Erlebnissen.
Mit großer Sensibilität interviewt er 14 Personen, Kinder, Frauen,
Männer, die meisten sind junge Leute, die die Massaker als Kinder oder
Jugendliche überlebt haben. Die Menschen erzählen vom Genozid,
wie sie sehen müssen, dass die Mutter, Eltern, Kinder, Familie und
Freunde ermordet werden. Sie berichten von ihren Ängsten, von der totalen
Erniedrigung, wie sie sich in Papyrussümpfen verstecken, verzweifelt
nach Nahrung suchen, das sumpfige Wasser trinken müssen und keine Möglichkeit
haben, sich zu waschen oder die Kleidung zu wechseln. Sie erzählen
vom Abstieg in die Hölle, vom nicht mehr Menschsein-Fühlen und
wie sie an den Leichenbergen vorbei den Häschern oft nur zufällig
entkamen. Sie berichten von den Mördern, die sich an den Massenmorden
berauschen und ihre "Erfolge" mit Bier und dem geschlachteten
Vieh ihrer Opfer feiern, um am nächsten Tag wieder auf Menschenjagd
zu gehen. Sie schildern die Massaker an den Orten, wo sie geboren wurden,
dort, wo ihr Zuhause war, dort wo sie Vertrauen in ihre Mitmenschen hatten.
Ihr Leben vor und nach dem Genozid, ihr Verhältnis zu Nachbarn, die
dann zur Machete griffen und sie vernichten wollten, wird beschrieben.
Im Angesicht der Morde, die bestialisch verübt wurden, im Angesicht
des wochenlang drohenden Todes und des Verlustes von Verwandten und Freunden,
hat das Leben für Viele keinen Sinn mehr. Und doch versuchen sie mit
unendlich viel Kraft, dieses Leben neu zu gestalten. Immer wieder steht
die Frage nach dem "Warum" im Raum, sie haben keine Erklärung
gefunden und niemand hat ihnen eine Erklärung geben können. Sie
können nicht verstehen, warum dies geschehen konnte, es bereitet ungeheure
Schmerzen, die Wunden sind noch offen. Viele haben das Schuldgefühl,
überlebt zu haben. Sie haben zu niemandem mehr Vertrauen, denn sie
haben zu viele Menschen verloren. Manche glauben, dass das Morden noch nicht
zu Ende ist, leben doch oft Täter neben Opfern. Werden die Mörder
nicht weitermachen, auch die Überlebenden töten, damit wirklich
niemand mehr übrig bleibt, der Zeugnis ablegen könnte? Die Gespräche
zeigen auch, wie unterschiedlich sie die Welt vor und nach dem Genozid wahrnehmen,
gerade auch im Verhältnis zur Hutu-Bevölkerung, von denen viele
zu Täter wurden.
Der Lehrer Jean-Baptiste Munyankore hat 1959 schon einmal Vertreibung miterlebt,
er konnte sich aber nicht vorstellen, dass ein 1994 möglich wäre.
Heute ist ihm sein Leben nicht mehr viel wert: "Nachts bevölkern
viel zu viele Leute meiner Familie meine Träume; sie reden als Tote
miteinander, ignorieren mich aber und würdigen mich keines Blickes
mehr. Tags sucht mich ein anders Übel heim, die Einsamkeit
Diese
gebildeten Leute haben in aller Seelenruhe die Ärmel aufgekrempelt,
um mit festen Griff die Buschmesser zu handhaben. Für einen wie mich,
der sein ganzes Leben lang den Schülern humanes Verhalten beigebracht
hat, sind solche Kriminelle ein entsetzliches Rätsel."
Sylvie Umubyeyi berichtet auch von Kindern, die aus Flüchtlingslagern
zurückgekommen sind, von ihren Ängsten und der Unfähigkeit
angesichts der Überlebenden und angesichts der von ihnen erlebten Gräuel
über ihre Erfahrungen zu sprechen. Der Autor beschreibt mit großer
Präzision die Gegend von Nyamata, die Landschaft, die belebte Natur
und die Organisation des alltäglichen Lebens. Man glaubt, ihn auf seinen
Wegen zu begleiten. Die Berichte dieser Menschen sind authentisch, so haben
sie das Abschlachten erfahren, so versuchen sie "danach", nach
dem Erleben von unmenschlichen Abgründen, weiterzuleben.
Das Werk ist hervorragend übersetzt.
Aus dem Nachwort des Verlegers Hans-Jürgen Wirth: "Es fällt
mir schwer, mit anderen über das Buch und was es in mir auslöst,
zu sprechen, weil mir die Worte fehlen, die angemessen ausdrücken könnten,
was ich gelesen habe und was ich dabei empfinde. Ich spüre eine gewisse
Scham, meine Erschütterung anderen mitzuteilen, die das Buch nicht
gelesen haben, die gleichsam eine naive Weltsicht besitzen. Ich scheue mich,
meine Betroffenheit zu offenbaren, weil ich befürchte, nicht ernst
genommen zu werden, mich nicht richtig verständlich machen zu können,
nicht vermitteln zu können, was ich da gelesen und erfahren habe und
welche Gefühle und Gedanken dies in mir ausgelöst hat."
Einige Jahre später fährt Hatzfeld wieder nach
Rwanda. Diesmal interviewt er Täter, das Buch "Une saison des
machettes" (Zeit der Macheten) ist im Herbst 2004 beim gleichen Verlag
erscheinen.
In Rwanda könnten Hunderttausende Menschen Ihnen ihre Geschichten des
Leidens, der verlorenen Hoffnung, des Nichtglaubens an das Gute im Menschen
erzählen. Hier legen 14 Menschen Zeugnis für ein Unrecht ab, das
nie wieder gut zu machen ist. Die Zeugnisse stehen stellvertretend für
Viele, und niemand kann behaupten, es sei nicht geschehen. Damit wird das
Unrecht als Unrecht festgeschrieben. Wir müssen eingestehen, dass wir
als Teil der internationalen Gemeinschaft, die Menschen in Rwanda im Stich
gelassen haben. Unsere Regierenden haben gewusst, was in Rwanda geschah,
aber nichts getan. Rwanda gehört zur Menschheit. Was 1994 dort geschah,
kann heute anderswo geschehen. Werden wir dann die Menschheit schützen?
Man wünscht dem Buch viele Leser und Leserinnen. Das Leid der Anderen
wahrnehmen und Mitleiden ist ein, wenn auch kleiner Trost.
Hildegard Schürings, 2004